Wertediskussion heute. Zur Lebensplanung junger Leute.

Angelika Hoch

Erfolg – was ist das eigentlich? Zum Beispiel Anna: Mit 16 ein spitzenmäßiger Realschulabschluß, anschließend eine Ausbildung zur Bankkauffrau mit Abschluß als beste Auszubildende, dann Festanstellung in einer großen Bank, Besuche bankinterner Schulungen, Auslandseinsätze und mit 23 Jahren, die Aussicht auf einen Posten als Abteilungsleiterin. Erfolg? Zum Beispiel Ralph: Mit zwanzig ein gutes Abitur, danach ein Jahr Zivildienst im Krankenhaus, anschließend eine dreijährige Ausbildung als Krankenpfleger und zunehmendes Engagement für die Menschen in Dritte–Welt–Länder. Seit dem Ausbildungsabschluß Arbeit in einem kleinen Landkrankenhaus in Mosambik.
Ralph ist froh, daß er eine Möglichkeit gefunden hat, sein soziales Engagement in tatkräftiges, oft lebensrettendes Handeln umsetzen zu können. Anna freut sich über ihren beruflichen Aufstieg.
Stärken und Schwächen
Beide fühlen sich erfolgreich. Sind die es aber auch? Denn wer oder was bestimmt denn, was Erfolg eigentlich ist? Über diese Frage diskutierten Jugendliche während eines Workshops zum Thema "Jugend und Erfolg" in München. Veranstalterin war die Psychologin Dorothea Böhm, die seit nunmehr drei Jahren mit Ihrem Testverfahren "Junior Career Coaching" Jugendliche beim Erkennen der eigenen Stärken und Schwächen unterstützt und ihnen helfen will, eine Entscheidung für den Berufsweg zu treffen.
"Erfolg muß nicht immer Ruhm und Macht, Geld und Ehre im Großen sein"– auch eine Mutter mit sechs Kindern kann sich erfolgreich fühlen. Erfolg kann schlicht als "Zufriedenheit" gesehen werden, eine allgemeingültige Definition jedenfalls gibt es nicht – so die Arbeitsergebnisse.

Für die meisten Jugendlichen ist Erfolg zunächst eher fremdbestimmt, was Ziel und Ergebnis angeht – zum Beispiel bei bestandenen Schulaufgaben oder Versetzungen in die nächsthöhere Klasse, "denen Eltern häufig mehr Beachtung geschenkt haben als man selbst." Erst mit zunehmendem Alter kommt die Entscheidung, Erfolg selbst zu suchen und damit auch für sich selbst zu definieren, was Erfolg bedeutet. Zum wichtigen Bereich des beruflichen Erfolgs waren sich alle einig, daß es die Jugend von heute verflixt schwer hat, im Berufsleben Fuß fassen zu können. Fehlende Ausbildungsplätze, Zulassungsbeschränkungen bei vielen Studiengängen, hart umkämpfte Arbeitsplätze – die Rahmenbedingungen sind nicht eben einfach. Diese negativen Umstände erschweren für viele ein optimistisches Herangehen an eine unsicher erscheinende berufliche Zukunft.

Anderseits aber wurden auch die vielfältigen neuen Erfolgsmöglichkeiten gesehen: "Noch nie gab es so viele Berufsbilder und soviel Chancen für einen Start. Neue Technologien und Energien, neue Medien und neue Informationsmöglichkeiten, die Globalität der Märkte bieten unendlich viele Zugänge", heißt es optimistisch im Thesenpapier zu den Workshop–Ergebnissen.
Doch um die neuen Chancen auch wahrnehmen zu können, sind neue Verhaltensweisen gefordert." Lokale Mobilität" ist gefragt. Jugendliche sollten heutzutage von vornherein damit rechnen, auch einmal das Berufsfach zu wechseln und deswegen danach streben, "multikompetent" zu werden: "Es ist nicht mehr möglich, sich auf ein fachliches Gebiet, einen spezifischen Wissensbereich einzuschließen." Auf eine breite Allgemeinbildung kommt es an, auf soziales Engagement, Vielseitigkeit, Offenheit und Aktivität – so die einhellige Meinung. Gerade hier wurde deutlich, daß im Bewußtsein der Jugendlichen ein Umdenken stattgefunden hat, was einen heute sehr wesentlichen Erfolgsfaktor angeht: Nicht mehr allein die fachlichen Kenntnisse und Fertigkeiten entscheiden über den Berufserfolg.

Ebenso wichtig sind Zusatzqualifikationen wie Einsatzfreude und Flexibilität, soziale Kompetenz, Organisationsvermögen und vor allem Eigeninitiative. Darauf zu hoffen, daß es die Eltern, staatliche Stellen oder womöglich der Zufall schon richten werden mit der richtigen Ausbildung, das jedenfalls ist der absolut falsche Weg in eine erfolgreiche und befriedigende Berufstätigkeit.
Richtig ist es, auf sich selbst zu vertrauen und nicht in erster Linie auf die Vorstellungen der Eltern. Daß manchmal im Elternhaus zu hohe Erwartungen gestellt und diese dann womöglich enttäuscht werden, "erschwert vielen Jugendlichen die Entscheidung für einen neuen Weg." So hat der (durchaus gut gemeinte) Einfluß ihrer Eltern auch der 21–jährigen Inka ziemlich zu schaffen gemacht: "Ich war nach dem Abitur im Zwiespalt zwischen dem, was meine Eltern mir geraten haben." Ärztin sollte sie werden, oder Bankkauffrau, denn das seien sichere Berufe mit festem Gehalt und geregelten Arbeitszeiten. Inka selbst aber wollte gern in den Journalismus oder die Werbung. "Haben nun die anderen recht oder ich?" –um diese Frage besser beantworten zu können, entschloß sie sich schließlich zur neutralen Beratung bei JCC. "Da sind Eigenarten von mir rausgekommen, die auch stimmten", erzählte sie. So habe der Test ergeben, daß sie nicht in Berufe passe, in denen eine starke Einordnung in Hierarchien gefordert ist.

Für Inka bildeten die Testresultate "eine Stütze" für ihren anschießend gefaßten Beschuß, eben doch genau das zu verwirklichen, was sie vorhatte, nämlich eine Ausbildung zur Journalistin: "Ich mache jetzt das, was ich wirklich will, und das macht mir absolut Spaß."